Einfache Philosophie mittels Formaler Erkenntnistheorie – Arendt

Ich gehe wieder vom Begründungsregress oder dem epistemischen Regress aus: 

Der mit einer Aussage oder Behauptung A verbundene Wahrheitsanspruch kann nur dann rationalerweise aufrecht erhalten werden, wenn eine andere Aussage oder Behauptung B diesen begründet oder rechtfertigt. Da diese Begründung (von A durch B) nun ihrerseits eine Aussage/Behauptung mit einem eigenen Wahrheitsanspruch bildet, ist diese wieder durch eine andere Aussage/Behauptung zu begründen usw.1 (Fußnote siehe unten)

Auf diese Weise entsteht – logisch gesehen, d. h. in einem Argument aus Prämissen und Konklusion (=Schlussfolgerung) – durch das Hinzufügen weiterer Prämissen (=Wenn-Sätze) eine Aussagenverkettung, ein Regress von Aussagen, der eine konkrete, abgeschlossene Aussage oder Behauptung verhindert. 

Zur Erläuterung: Im Argument handelt es sich bei den Prämissen um Wenn-Sätze im Sinne von ‚Wenn die Aussage/Behauptung B gilt oder korrekt ist, dann folgt die Aussage/Behauptung A; oder kurz: Wenn B, dann A. 

Im Grunde kann also das Argument wie ein mehr oder weniger langer Wenn-dann-Satz gelesen werden. Schematisch sieht ein Argument wie folgt aus:

Prämisse …

Prämisse D

Prämisse C

Prämisse B (=Aussage/Behauptung B)

Konklusion = Aussage/Behauptung A

Hier kann also formuliert werden: Wenn Prämisse …, dann (Prämisse) D, C, B und schließlich A; oder kurz: Wenn Prämisse …, dann A.

Das Problem ist, dass dieser Wenn-dann-Satz keinen Abschluss findet, weil ja immer neue Sätze bzw. Aussagen/Behauptungen oder Prämissen produziert werden müssen, um die Wahrheit des Gesamtsatzes zu zeigen.

Damit kann man dann auch eigentlich nicht mehr von einem Argument reden, weil die Rede von einem Argument einen Schluss oder Abschluss beinhaltet. Denn nach herkömmlicher Auffassung startet, logisch gesehen, das Argument bei der obersten Prämisse; schließlich beginnt ein Wenn-dann-Satz beim Wenn, nicht beim Dann. Hier jedoch ist ein solcher Anfang nicht möglich. 

Sollte es gelingen, den Prämissenaufstieg zu einem Abschluss zu bringen, ist damit gezeigt, dass es ein Beweissystem gibt, dass vollständig ist in dem Sinn, dass es nicht mehr auf Prämissen beruht oder von Prämissen abhängig ist, deren Wahrheit selbst erst noch zu zeigen ist.

Hannah Arendts Vita Activa kann, zumindest teilweise, als Antwort auf dieses Problem des Begründungsregresses2 (Fußnote, siehe unten) verstanden werden.

Wenn ich die Aussagen/Behauptungen, die ich beim Begründen anführe, als verschiedene Mengen verstehe, dann bilden die Aussagen/Behauptungen A und B, mengentheoretisch gesehen, als zwei verschiedene Mengen ein Inklusionsverhältnis in dem Sinn, dass B in A fällt, wobei die nächste begründende Aussage/Behauptung C in B fällt und damit in A usw.

Anschaulich kann man sich dies mittels der sog. Venn-Diagramme vor Augen führen: Dabei bildet B einen Kreis, der in einem größeren Kreis A liegt. Allerdings kann aufgrund des Begründungsregresses nicht vom Liegen die Rede sein. Denn gerade dieses Liegen von B in A oder dieses Sich-darin-Befinden wird ja durch den Begründungsregress verhindert: 

Damit man davon sprechen (behaupten/aussagen) kann, dass dieser Kreis B in A liegt, braucht es (sozusagen zum Beweis) einen neuen Kreis C bzw. eine neue Menge C (=Aussage/Behauptung C). Jetzt soll C in B liegen und B wiederum in A, also kurz: es wird behauptet oder ausgesagt, dass C in A liegt. Aber damit davon gesprochen werden kann, dass C in A liegt, braucht es wieder eine andere Menge (=Aussage/Behauptung) D.

Da das Liegen von Mengen ineinander oder das Sich-aufhalten von Mengen in anderen Mengen durch den Begründungsregress verhindert wird, spricht man anstelle des Liegens von Mengen in anderen Mengen vom Fallen von Mengen in andere Mengen.

Man kann sich dies anhand eines Beispiels klarmachen: Die Menge A steht dabei für die Aussage ‚Charles ist ein Lebewesen.‘, B für ‚Charles ist ein Säugetier.‘, C für ‚Charles ist ein Mensch.‘ 

Hier wird deutlich, dass der größte Kreis oder die größte Menge gebildet wird von der Aussage A ‚Charles ist ein Lebewesen.‘ und dass die Mengen B und C einen kleineren Umfang haben, Charles damit also in einen kleineren Kreis von Dingen fällt.

Ernest Sosa hat dies in seinem Artikel „The Raft and the Pyramid: Coherence versus Foundations in the Theory of Knowledge“ von 1980 anschaulich mit dem Bild einer Pyramide verglichen. 

Da die (Venn-)Kreise immer kleiner werden, entsteht, wenn man sich dieses Bild der Kreise im dreidimensionalen Raum vorstellt, ein pyramidenähnliches Gebilde, bei dem stets die Spitze bzw. der Abschluss der Begründung gesucht wird.

Das Inklusionsverhältnis der Mengen bedeutet, dass die Aussagen/Behauptungen (hier: A, B, C, …) der Begründung formal, also was die Form ihres Zusammenhanges angeht, immer auf eine bestimmte Art und Weise, eben nach der des Inklusionsverhältnisses, zusammenhängen. 

In Bezug auf Aussagen verstehe ich das Inklusionsverhältnis der Mengen als das Verhältnis von hinreichenden und notwendigen Bedingungen: Hinreichende Bedingungen sind erst zu erfüllen, dagegen sind notwendige Bedingungen bereits mit dem Vorliegen einer bestimmten Aussage erfüllt, sie sind in der jeweiligen Aussage/Behauptung enthalten. 

So sind für die Prämisse D im obigen schematischen Argument die Aussagen/Behauptungen C, B und A notwendige Bedingungen, also schon mit dem Behaupten von D erfüllt. 

Deutlich wird dies auch im obigen Beispiel: Die Menge C ‚ist ein Mensch‘ beinhaltet die Mengen B ‚ist ein Säugetier‘ und A ‚ist ein Lebewesen‘. Die Aussagen B und A sind also mit der Aussage C schon erfüllt. Jeder weiß, dass mit dem Begriff des Menschen der Begriff des Säugetieres und der Begriff des Lebewesens bereits erfüllt ist. Aus der Aussage C folgen also die Aussagen B und A ganz automatisch. Oder eben kurz: aus C folgt notwendig, d. h. ohne mein Zutun oder ohne das Zutun von irgendjemandem A. Man sagt auch C impliziert A. 

Mit Bezug auf den Begriff der notwendigen und hinreichenden Bedingungen ist der Begründungsregress demnach ein Regress der hinreichenden Bedingungen.

Nun lässt sich Folgendes einwenden:

Dieser formale Zusammenhang des Inklusionsverhältnisses bzw. des Verhältnisses der Aussagen in Begriffen von hinreichenden und notwendigen Bedingungen kann selbst nicht Gegenstand einer rationalen Begründung oder Rechtfertigung sein, denn die mögliche Begründung würde ja, als hinreichende Bedingung, selbst ein neues Inklusionsverhältnis bilden.

Das Inklusionsverhältnis kann sich damit selbst nicht zum Gegenstand des rationalen Diskurses machen. 

Anders formuliert:

Wenn ich das Inklusionsverhältnis als Kennzeichen des philosophischen oder rational-wissenschaftlichen Begründungsbegriffs ansehe (auch als Begründungsbrille), dann kann ich formulieren, dass sich der philosophische oder rational-wissenschaftliche Begründungsbegriff selbst nicht begründen kann ohne zirkulär und damit illegitim zu sein. 

Der philosophische oder rational-wissenschaftliche Begründungsbegriff kann sich damit nicht als solcher ausweisen.

Denn das bedeutete ja, dass es eine Begründung für den rational-wissenschaftlichen Begründungsbegriff gäbe, die das Inklusionsverhältnis der Mengen bzw. das Verhältnis der Aussagen/Behauptungen als hinreichender und notwendiger Bedingungen und damit im Grunde das logische Verhältnis, also das Ableitungsverhältnis unter den Aussagen/Behauptungen selbst zum Gegenstand macht ohne zirkulär zu sein.

Man kann also auch formulieren, dass man auf die Logik (z. B. die Aussagenlogik) selbst nicht schließen kann, da dies ja selbst wieder eine hinreichende Bedingung wäre, die in einem logischen Ableitungsverhältnis zur Logik stünde; schließlich bildete dann ja die Logik die notwendige Bedingung. Es muss zur Logik entweder einen anderen nicht-logischen Zugang geben, der also nicht in einem Ableitungsverhältnis zur Logik steht, oder alles ist logisch und es gibt sozusagen keinen Standpunkt außerhalb der Logik oder keinen Zugang zu ihr. Dann könnte ich aber auch nicht mehr von der Logik, vom Abkürzungsverhältnis zwischen Aussagen oder vom rationalen Begründungsbegriff sprechen.

Der Umstand, dass das Inklusionsverhältnis der Mengen bzw. das Verhältnis der Aussagen/Behauptungen als hinreichender bzw. notwendiger Bedingungen oder das logische Ableitungsverhältnis unter Aussagen selbst nicht zum Gegenstand der Begründung gemacht werden kann ohne zirkulär zu sein, sollte hier nur als Beispiel einer Argumentation dafür dienen, wonach es keinen übergeordneten, allgemeingültigen Begründungsbegriff gibt. Sicherlich lassen sich dafür auch weitere Argumentationen finden.

Wenn sich also, abgekürzt gesprochen, der rationale Begründungsbegriff selbst nicht als solcher ausweisen kann, dann gilt dieser rationale Begründungsbegriff nur als einer unter vielen (oder verschiedenen anderen) wie z. B. dem irrationalen Begründungsbegriff, bei dem eine Aussage/Behauptung allein dadurch wahr wird, dass sie jemand ausspricht, evtl. begleitet von einer bestimmten Befindlichkeit oder Gemütslage.

Wenn der rationale oder logische Begründungsbegriff nur einer unter vielen ist, dann vervielfältigt sich der Wahrheitsbegriff gemäß der vielen verschiedenen Begründungsbegriffe. 

Da vom rationalen oder logischen Begründungsbegriff aus gesehen Wahrheit aufgrund des Ableitungsverhältnisses immer nur eine Wahrheit ist und es nicht mehrere Wahrheiten nebeneinander gibt (die Ableitungslinie kann Gabelungen enthalten, muss aber am Ende wieder eine sein), bedeutet das für den rationalen oder logischen Begründungsbegriff, dass es keine Wahrheit mehr gibt. 

Im Folgenden möchte ich den Begründungsregress auffassen als das Verhältnis einer Menge und ihrer Elemente:

Ich treffe z. B. die Aussage oder behaupte z. B., dass Kants Kritik der reinen Vernunft ein Buch über Logik ist.

Ich verstehe in diesem Zusammenhang den Begriff ‚ist ein Buch über Logik‘ als Menge und Kants Kritik der reinen Vernunft‚ (=KrV) als Element dieser Menge. 

Jetzt begründe (=rechtfertige) ich diese Aussage (dass Kants KrV ein Buch über Logik ist) damit, dass ich sage, dass Kants KrV von logischer Ableitung handelt. Der Begriff ‚handelt von logischer Ableitung‘ ist dann ein weiteres Element der Menge ‚ist ein Buch über Logik‘ (neben dem Element bzw. dem Begriff ‚ist Kants Kritik der reinen Vernunft‚). Der Begründungsregress verhindert die Geschlossenheit oder die Identität der Menge ‚ist ein Buch über Logik‘ und damit die korrekte Anwendung dieses Prädikats (‚ist ein Buch über Logik‘), da ich nicht sicher sein kann, welche Elemente dazu gehören und welche nicht. 

Wenn ich also den Begründungsregress auffasse als das Verhältnis einer Menge und ihrer Elemente, dann bedeutet der Wegfall der Wahrheit, also dass der rationale oder logische Begründungsbegriff sich nicht selbst als Menge verstehen kann, dass an die Stelle der Wahrheit Konventionen treten und die Identität einer Menge an die Verwendung einer Sprache gebunden ist. Und das heißt nichts anderes, als dass bestimmte, grundlegende Regeln oder Axiome einer bestimmten Sprache die Identität einer Menge bzw. die Identität eines Begriffs festlegen. 

Wenn ich die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks wie ‚ist ein Buch über Logik‘ kennen will, dann brauche ich, gemäß des Konventionsbegriffes, nur in einem anerkannten Lexikon oder einem lexikalischen Nachschlagewerk wie etwa dem Duden nachsehen. 

Begriffe verwandeln sich damit also in Wörter oder Vokabeln einer bestimmten Sprache. So etwas wie ein Wesen oder die Natur einer Sache, die durch den Begriff ausgemacht wird, gibt es mit diesem Wandel nicht mehr.

Das gleiche gilt z. B. auch für die Begrifflichkeiten der Logik: um „die“ Bedeutung eines logischen Begriffs kennenzulernen, brauche ich nur das Vokabular der betreffenden Logik bzw. der betreffenden logischen Sprache zu lernen, z. B. das der Aussagen- oder der Prädikatenlogik (um die bekanntesten zu nennen).

Arendt hat hier die folgende Idee, um doch wieder von Wahrheit und von einer Logik zu sprechen:

In der Vita Activa argumentiert Arendt dafür, dass aus der Frage ‚Was ist der Mensch?‘ die Frage ‚Wer ist der Mensch?‘ wird. 

Arendt kann hier so rekonstruiert werden, dass selbst wenn ein übergreifender Begründungsbegriff fehlt und damit Wahrheit und die Identität von Begriffen wegfallen und Begriffe zu bloßen Wörtern einer Sprache werden, sodass es so etwas wie ein Wesen oder die Natur einer Sache gar nicht gibt, so ist es doch immer noch der Fall, dass alle Personen Wörter einer bestimmten Sprache verwenden. 

Das Wort ‚alle‘ bzw. der Begriff des Ganzen bezieht sich in Bezug auf das Logische dann eben nicht mehr, mit dem Wegfall eines übergeordneten Begründungsbegriffes, auf Elemente von Mengen, sondern auf deren Verwender.

Das heißt, nicht mehr das Element fällt in eine Menge, sondern die oder derjenige, die/der das Element verwendet. Mengen oder Begriffe werden nicht mehr durch Elemente gebildet, sondern durch deren VerwenderInnen.

Dies wird aber nun nicht mehr ausgesagt oder behauptet. Damit entfällt dann auch die Begründung und damit das Inklusionsverhältnis. Und das bedeutet, dass dieser Begründungsbegriff eben nicht mehr an die Logik der notwendigen und hinreichenden Bedingungen bzw. an den mengentheoretischen Inklusionsbegriff gebunden ist. Anders formuliert: Die Beschränkung durch die Logik, wie noch im Fall des rationalen Begründungsbegriffes, gibt es hier nicht.

Die Elemente der Mengen, das heißt die VerwenderInnen der Elemente stehen durch keine vermittelnde Relation mehr zueinander im Verhältnis.

Dadurch entfällt sich die Notwendigkeit, die Menge schließen zu müssen durch andere Elemente.

Anders ausgedrückt: Durch die Verwendung eines Elementes wird die Menge bereits geschlossen bzw. die Identität der Menge festgelegt.

Das, so möchte ich Arendt rekonstruieren, bedeutet nun aber nichts anderes mehr, als dass die Identität der Menge die Identität der Verwenderin oder des Verwenders ist, das die Identität ja durch die Verwendung konstituiert oder festgelegt wird.

 

Hier überschneiden sich sozusagen Logik und Politische Philosophie:

Leibniz, Spinoza, Kant z. B. und viele weitere Philosophen, Künstler und Wissenschaftler können so verstanden werden, dass sie die Gleichheit der Elemente der Mengen bzw. die Gleichheit der Individuen und damit die Gleichheit der Menschen begründen möchten in dem Sinn, dass es eben keines übergeordneten Fundamentes, also eines Gottes oder einer besonderen Autorität bedarf, die als Richtschnur für unser Denken und Handeln dient und uns dementsprechend sagt, was wir zu denken oder zu tun haben. 

Von Arendts Standpunkt müssen diese Begründungsversuche zweifelhaft erscheinen, da sie die Gleichheit methodisch gewissermaßen von oben dekretieren, wenn sie sich auf den Inklusionsbegriff oder den logisch-mathematischen Mengenbegriff verlassen.

Arendt würde wohl entgegnen, dass die Gleichheit auch von den Leuten selbst in der Realität geglaubt und erfahren werden muss und dass man das nicht dekretieren kann. Von diesem Standpunkt aus ist auch die Orientierung an der Unmittelbarkeit zu sehen: der direkte Kontakt zwischen den Menschen ohne technisch-kulturelle Vermittlung (wie Internet, Telefon, Brief) wird wichtig.

Auf diese Weise wird, mit Bezug auf meine persönliche Identität, auch der Begriff der Vita activa gegenüber dem Begriff der Vita contemplativa deutlich, den Arendt zu Beginn des Werkes herausstellt:

Denn es darf wohl, auch etwas polemisch, gefragt werden: 

Wie willst etwas über dich herausfinden mittels des Mengenbegriffes oder mittels des Funktionsbegriffes? Der Funktions-Input bzw. die Begriffe können ja beliebig ausfallen.

Die Wahrheit der Logik und im Grunde damit auch der Theoretischen Philosophie, d. h. die Relevanz ihrer Anwendung erweist sich damit als belanglos für unser je eigenes Leben. 

Dagegen wird nach Arendts Logik, die durch den Begriff der Vita activa gefasst wird, meine Identität durch meine tatsächlichen Aussagen/Behauptungen oder die sog. Sprechhandlungen konstituiert.

Bei der Vita contemplativa brauchtest du dich nur meditativ in dich hinein versenken und in dich hinein zu sehen oder in dich hinein zu schauen, um dich zu bestimmen. Bei der Vita activa dagegen bestimmen deine konkret getätigten Aussagen und dein Tun deine Identität; die amorphe, subjektiv beliebig wähl- und formbare persönliche Identität wird objektiviert.

Im englischen Wikipedia-Artikel zur englischen Ausgabe der Vita Activa namens The Human Condition (1958) heißt es im Zusammenhang mit der Entfremdung der/des Einzelnen von der Welt:

„The shrinking distances brought about by exploration and transportation technology makes us more an inhabitant of the Earth than of our particular place within it.“ 

Das heißt, die über die Technik vermittelte Beziehung der Menschen untereinander, der Universalismus der Technik (wie z. B. das Internet), wirkt verkehrterweise identitätserzeugender als der Platz oder der Ort in der Welt, von wo man aus den technikgeleiteten Austausch oder die Kommunikation betreibt.

Dies ist begründungstheoretisch insofern interessant, als dass z. B. der Umstand, dass man in einem bestimmten Land existiert, bestimmte Gründe, ebenso bestimmte Aussagen und damit bestimmte Identitäten, selbst von der Perspektive der Vita contemplativa, ausschließt. Dies dürfte z. B. gelten für den Unterschied zwischen meiner Existenz in Deutschland und in China. Mit dem Ausschluss bestimmter Aussagen, Gründe und damit bestimmter Identitäten kommt für mich eigentlich erst so etwas wie tatsächliche Objektivität der Identitäten ins Spiel.

Allerdings sollte ich auch auch die politische Lektion Arendts im Auge behalten: Wenn die entsprechenden politischen Bedingungen nicht da sind und wenn du deinen Mund nicht aufmachen kannst, dann gibt es auch keine Logik, keine Wahrheit. 

Persönliche Identitäten von Menschen müssen dann immer über Konvention, sozialen Druck und über Autorität gesteuert werden.

Vielleicht lässt sich weitergehend sagen, dass jede Sprache als Mittel der Kommunikation schon ihre Standpunkte und Perspektiven mit sich bringt.

Wenn ich allerdings Sprache als Mittel den Kommunikation beschreibe, dann dürfte sich Sprache ähnlich vermittelnd auf unsere Kommunikation auswirken wie der Inklusionsbegriff auf die Begründung. (Ähnlich dürften Staaten auf unsere bzw. auf meine Existenz wirken.)

Aber hier kommt es, gemäß der Vita activa, vielleicht darauf an, aktive Präsenz an bestimmten Orten wie öffentlichen Räumen zu zeigen und dadurch unmittelbare Identität zu erzeugen.

Mit der aktiven Präsenz ist sicher eine Schnittstelle zur kantischen Philosophie ausgemacht, die ihr Augenmerk stärker auf das Logische als auf das Ästhetische bzw. stärkeres Gewicht auf die aktive Seite der menschlichen Erkenntnis legt als auf die passive Seite. 

Damit möchte ich auch kurz kritisch in Bezug auf die Arendtsche Logik festhalten, dass die Logik an der Faktizität orientiert ist, nämlich eben an der Faktizität der tatsächlichen Aussagen/Behauptungen. Die Frage ist allerdings, ob die gegebenen Verhältnisse, z. B. die in einer Sprachgemeinschaft vorgefundenen Wortbedeutungen, maßgeblich sind oder sein sollten für die Identität eines Begriffs oder für meine persönliche Identität. Schließlich kann ich mich in einer Sprachgemeinschaft aufhalten, welche die Wörter abweichend von der Norm verwendet.

Bei der Rekonstruktion der Arendtschen Philosophie war mir der Umstand hilfreich, dass ich von einem Punkt in Deutschland nicht jede beliebige Internetseite auf der Welt erreichen kann. 

Es liegt daher nahe, in Bezug auf die Arendtsche Philosophie Begriffe oder Elemente von Mengen mit Internetseiten gleichzusetzen.

Da Begriffe beim Begründungen über die logische Folgerungsbeziehung von Prämisse und Konklusion miteinander verbunden sind, bedeutet der Vergleich mit dem Internet für Begriffe, dass die Folgerungsbeziehung einer Beschränkung unterliegt, da ich eben, gemäß des Vergleichs mit dem Internet, nicht jeden beliebigen Begriff/jede beliebige Begründung von einem gegebenen Begriff/von einer gegebenen Begründung aus erreichen kann. 

Als Grund für diese Beschränkung bietet sich das Inklusionsverhältnis zwischen Mengen oder Begriffen an, welches inhaltliche begriffliche Sprünge verbietet und das seinerseits wiederum auf den Begriff der jeweils verwendeten Sprache, wie hier das logische Vokabular, verweist.

Die verschiedenen Sprachen wurden weiter als Infrastrukturen verstanden, die in Bezug auf das Internet mit Internet-Knoten (=“Austauschpunkte für den Datenverkehr des Internets“, wikipedia.de, abgerufen am 12.07.2021; der bekannteste deutsche Internet-Knoten ist der DE-CIX in Frankfurt/a. M.) gleichgesetzt wurden. 

Wie die Infrastruktur der Sprache die Folgerungsbeziehung möglich macht, so machen Internet-Knoten das Abrufen von Internetseiten möglich.

Diese Infrastruktur der Internet-Knoten bzw. die Infrastruktur der jeweiligen Sprache, verstanden als ein System von Folgerungsbeziehungen, ist nicht vom einzelnen Anwender/Internetnutzer oder Sprachverwender abhängig in dem Sinn, dass die/der AnwenderIn/InternetnutzerIn diese Infrastruktur erst herstellt wie beim Begründungsregress suggeriert wird.

Vielmehr steht mit der Verwendung der Infrastruktur das Abrufen von Internetseiten unter festen Domainnamen oder unter festen Internet-Adressnamen fest. Ebenso steht mit der Verwendung einer Sprache das Schließen auf namentlich feststehende Elemente bzw. Begriffe fest. 

Da die/der BegründerIn stets eine bestimmte Sprache spricht, bleibt die Identität einer Menge bzw. Wahrheit an die Verwendung einer bestimmten Sprache gebunden. 

Wenn es nur mehrere verschiedene Sprachen oder Internet-Knoten gibt und keine übergeordnete Sprache (=kein allen anderen übergeordneter Internet-Knoten), heißt das wiederum, dass es mehrere verschiedene Wahrheiten bzw. mehrere verschiedene Identitäten von Begriffen (und Internetseiten) gibt, die nebeneinander her existieren.

Wenn es aber mehrere Wahrheiten (oder Identitäten) gibt, heißt das wiederum, dass es eigentlich keine Wahrheit mehr gibt, da es immer nur eine Wahrheit gibt.

Ohne Wahrheit gibt es dann auch keine Logik und keinen Wahrheitstransfer.

Im Vorfeld hatte ich dabei schon Arendt rekonstruiert ausgehend vom Begriff der Unmittelbarkeit, siehe mein Blog unter:

Dass Arendt die Frage ‚Was ist der Mensch‘ in die Frage ‚Wer ist der Mensch‘ transformiert, bot den Brückenschlag beim Verlust des Identitäts- und Wahrheitsbegriffes. 

1: Logisch gesehen umfasst eine Begründung sowohl das Begründende als auch das Begründete, denn ohne die Begründungsbeziehung zwischen beiden Aussagen stehen beide Aussagen unvermittelt nebeneinander; alltagssprachlich wird das Wort ‚Begründung‘, und vor allem das Wort ‚Grund‘, allerdings so verwendet, dass es nur das Begründende bezeichnet, also, vom logischen Standpunkt aus gesehen, nur einen Teil einer Begründung. Dies hatte auch schon Kant in der ersten Kritik bemerkt, siehe A 499/B 527: „Nun folgt es gar nicht […] niemals ohne derselben, statt.“

2: Vom epistemischen Regress kann gesprochen werden, um damit die epistemische oder erkenntnistheoretische Situation zu verdeutlichen, dass jede Aussage oder Behauptung von einem bestimmten, rechtfertigenden (erhöhten) Standpunkt aus getroffen oder gemacht wird (der seinerseits einen rechtfertigenden Standpunkt benötigt) bzw. jede Aussage oder Behauptung einen erkenntnistheoretischen Zugang braucht.

6 Kommentare zu „Einfache Philosophie mittels Formaler Erkenntnistheorie – Arendt

  1. Vielleicht ist es ja auch tatsächlich der Inklusions- oder Mengenbegriff, der viele bei Kant stört und gestört hat: eine, wie u. a. Bell Hooks in ihrem Buch „Black looks“ (zum Titel „Black looks“ vgl. Kants Kritik an „Gott existiert“) schreibt, alles durchdringende intelligible Persönlichkeit, die also alle Bedingungen um sie herum im Griff hat, und doch nicht über die Schranken des Inklusionsbegriffs, der Logik, hinauskommt. (Hegel scheint da sympathischer. (Die ersten 1,5 Seiten des Abschnitts „Das absolute Wissen“ in der „Phänomenologie des Geistes“ können direkt im Anschluss an Kant gelesen werden.))
    Vielleicht ist ja auch Wissenschaft nicht alles in dieser Job-Welt.
    Job geht vor Wahrheit: Warum hat Kant wohl eine neue Sprache erfunden für seine Philosophie?
    – War das (Selbst-)Marketing, Nietzsche (und das ‚Überhandnehmen der Bücher‘ in „Jenseits von Gut und Böse“) lässt hier grüßen.

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  2. Nur über die Verwendung, das Tätig-Sein, bist du die Menge bzw. hast du Identität.

    Im Gegensatz zu Kant ist für (d)eine Identität also keine Selbstbestimmung im Sinne von „Ich bin…“ mehr erforderlich.
    Diese Art der Identität über Selbstbestimmung scheint vom Arendtschen Standpunkt viel zu inhaltlich angelegt zu sein.

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  3. Zu:
    „Das Wort ‚alle‘ bzw. der Begriff des Ganzen bezieht sich in Bezug auf das Logische dann eben nicht mehr, mit dem Wegfall eines übergeordneten Begründungsbegriffes, auf Elemente von Mengen, sondern auf deren Verwender.

    Das heißt, nicht mehr das Element fällt in eine Menge, sondern die oder derjenige, die/der das Element verwendet. Mengen oder Begriffe werden nicht mehr durch Elemente gebildet, sondern durch deren VerwenderInnen.“

    Das bedeutet, dass Identität abhängt von der politischen und sprachlichen Gemeinschaft, in der man sich aufhält.
    Deshalb hat sich wohl Arendt selbst im bekannten Interview mit Gaus auch der Politischen Theorie zugeordnet, nicht der Philosophie.
    (Auch Hobbes verfolgt ein ähnliches Motiv der Vereinigung von Identität und Wahrheit mit der bestimmten sprachlichen und politischen Gemeinschaft.)

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  4. Zu:
    „Das Wort ‚alle‘ bzw. der Begriff des Ganzen bezieht sich in Bezug auf das Logische dann eben nicht mehr, mit dem Wegfall eines übergeordneten Begründungsbegriffes, auf Elemente von Mengen, sondern auf deren Verwender.“

    Das bedeutet, dass Identität abhängt von der politischen und sprachlichen Gemeinschaft, in der man sich aufhält.
    Deshalb hat sich wohl Arendt selbst im bekannten Interview mit Gaus auch der Politischen Theorie zugeordnet, nicht der Philosophie.
    (Auch Hobbes verfolgt ein ähnliches Motiv der Vereinigung von Identität und Wahrheit mit der bestimmten sprachlichen und politischen Gemeinschaft.)

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