Making philosophy more accessible by means of Formal Epistemology – Schopenhauer

Dieser Text wurde für den Call for abstracts des VII. Internationalen Doktorandenkolloquiums der Schopenhauer-Forschungsstelle am 20. und 21.09.2021 an der Universität Mainz angefertigt, aber leider abgelehnt.

[…]

Mit Bezug auf Kant und das Begründungsproblem kann die Logik Schopenhauers neu rekonstruiert werden.

Nach dem Ansatz des Hylomorphismus‘ bildet jedes konkrete Einzelding sein Abstraktum, d. h. den Begriff, unter den es sich fassen lässt, selbst [Literaturhinweis zum Hylomorphismus und Kant, nämlich McFarlane (2000)]. Dadurch bestimmt es sich autonom, also aus sich selbst heraus als etwas.

Mit Bezug auf das Problem der Letztbegründung fungiert das ‚Ich denke‘ bei Kant ganz im Sinne des Hylomorphismus, nämlich als die Begründungsreihe schließend und damit als normatives Abstraktum. 

Das logische Äquivalent ‚ist eine Behauptung‘ muss an jede konkrete Behauptung angehängt werden können, ansonsten handelte es sich eben nicht um die Behauptung einer bestimmten Person. 

Dies ist Teil dessen, was nicht individuiert werden kann: nach Kants Logik kann ein Urteil nicht individuiert werden kann ohne eins zu produzieren, und nach der Ästhetik können Zeit und Raum begrifflich nicht individuiert werden. 

Deutlicher wird die ästhetische Bedingung in Bezug auf die Logik und den Begriff des logischen Schlusses [im engl. Sprachraum das sog. Adoption-problem in der Logik): wollte man den Begriff des logischen Schlusses individuieren, dann müsste man eben unter diesen Begriff subsumieren, folgern. Diese Zirkularität [würde] Kant [ganz analog zu Raum und Zeit] zur Auffassung der unabnehmbaren Brille vom logischen Schluss [führen].

Schopenhauers Mitleidsethik kann als Einwand und Ergänzung der Erkenntnistheorie Kants gelesen werden. 

Nach Schopenhauer wird bekanntlich [das principium individuationis, also das Prinzip, wodurch etwas als EIN Ding gilt, oder: das Vereinzelungs-Prinzip] im Mitleid überwunden.

Ein Urteil über die Person kann angesichts des Leids nicht mehr getroffen werden. [Es verschlägt einem sozusagen die Sprache.] An das Versagen der Urteilskraft schließt sich gemäß [der Erkenntnistheorie Kants] die Zeitlosigkeit der bemitleideten Person [, da die Ästhetik aufgrund ihrer begrifflichen oder intellektuellen Unzugänglichkeit von der Logik (‚Ich denke‘) abhängt]: die Person scheint am Ende ihrer selbst angekommen zu sein – ein Zustand, den die kantische Erkenntnistheorie nicht vorsieht. [Man könnte auch sagen, dass die bemitleidete Person nicht mehr in der Zeit (=Bedingungsreihe/logischer Schluss, siehe unten) steht.]

Anders formuliert: Beim Anblick des bemitleideten Menschen setzt die Anschauungsform Zeit und Raum aus […]

Nur in diesem einzigen Fall des Mitleids werden sämtliche Bedingungen, die ganze zeitliche oder logische Reihe, aufgehoben, sozusagen im Nichts.

Die Wahrheit ist dieses Nichts, das durchaus im Hinduismus und Buddhismus (Nirwana) seine Entsprechung hat und in welchem es gar keine Bedingungen gibt.

In logischen Begriffen:

Nach einer satzartigen Behauptung folgt ein Punkt, da ist ein Ende. Die Aussage kann sich nicht mehr weiterentwickeln, was ihre Bedeutung angeht. 

Wie Personen stehen die Bedeutungskonstituenten in der Zeit. 

Wenn der Punkt gesetzt wird und das Diltheysche einfühlende oder nachempfindende Verstehen wie beim Mitleid keine Veränderung mehr an der Bedeutungskonstitution des Gemeinten verzeichnen kann, setzt demnach, [(wenigstens kurz),] die unabnehmbare Brille des logischen Schlusses und damit eine Individuation des Inhaltes über eine Bedingungsreihe aus. 

[In Bezug auf die Wahrnehmung kann man dies auch als begriffslose Wahrnehmung fassen.] 

Die Logik (bzw. Zeit) erscheint als abgeleitete Zugangsweise zu Propositionen. 

[Das Principium individuationis, hier in Gestalt der Bedingungsreihe,] das die verschiedenen Bedeutungen ein und derselben Proposition individuiert […] wird überwunden.

[Hier kommt die Objektivität der Bedeutung ins Spiel, als etwas, das für alle gleich ist.

Erst die Wahrheitsfrage oder die Identitätsfrage, also die Frage, ob das, was sich vor mir befindet z. B. Blau ist*, also die Bestimmung von etwas als etwas, sorgt für die Divergenz, die Verschiedenheit der Meinungen.]

Von diesem Standpunkt wird auch die Doppelaspekt-Theorie der Welt deutlich:

Die Welt als Wille ist eine Einheit und kann nicht weiter in Bedingungen aufgeteilt werden, wohingegen die Welt als Vorstellung gemäß der ästhetischen bzw. der logischen Brille sich in Bedingungen einteilt. 

Kants unteilbare, weil eben nur mögliche Erfahrung (B 517) wird abgelöst durch das Nichts, die Welt des Willens, der überhaupt nicht mehr an eine Logik oder an eine Bedingungsreihe gebunden ist.

[Zusatz, 08.09.2021/09.09.2021:

Ich habe einmal an einem Seminar zu einem bestimmten Philosophen teilgenommen. 

Sätze des Philosophen wurden dort so gelesen: 

Beispielsatz:

Auf den Fluss des Geistes habe acht.

Kommentar einiger Seminarteilnehmer dazu:

Oh, sehr gut, da nimmt der Philosoph Bezug auf Descartes und seine Geist- und Logikvorstellung.

(Bei Kant wird solch eine wohlmeinende Exegese oft nicht betrieben (vielleicht ist die Analytische Philosophie auch nicht der Maßstab für Kant).)

Will sagen:

Die Seminarteilnehmer fragten sich die ganze Zeit, sehr sophisticated, wie der betreffende Satz des Philosophen wahr werden kann bzw. wie der Satz gemeint ist oder gemeint sein kann; so nach dem Motto: da steht eine sinnvolle Absicht dahinter bzw. „oh, da steht ganz viel Sinn dahinter“.

Die zu interpretierenden Sätze oder Passagen wurden also ständig nach ihrer hinreichenden Bedingung, also in einer Bedingungsreihe stehend, interpretiert bzw. nach ihrer Wahrheit (oder nach ihrem guten oder besten philosophischen Sinn oder ihrer philosophischen Bedeutung, wo vielleicht der Sinn oder die Bedeutung keine philosophische, sondern vielleicht eher alltägliche oder belanglose war).

Das ist die logische Sicht, das heißt die Sicht des logischen Schlusses oder der (zu schließenden) Bedingungsreihe, nach Schopenhauer: die Welt der Vorstellung. 

Was würden wohl die Seminarteilnehmer machen, wenn sich herausstellen würde, dass der und der Satz oder die und die Passage von einem Straßenpenner oder von einem fünfjähriger Junge geschrieben worden wäre, oder der Philosoph den Satz oder die Passage im Delirium geschrieben hätte oder nachdem ihm, übertrieben gesprochen, die linke Gehirnhälfte entfernt wurde 🙂 etc.

Die Seminarteilnehmer schauten sich nicht das an, was da steht.

Ihnen ging es um die Wahrheit der Sätze oder Passagen bzw. darum, wie man die Sätze oder Passagen wahr machen könnte, und das bedeutet, welche hinreichende Bedingung (oder welche Bedeutung) für diesen und jenen Satz einschlägig sei. 

Ganz viel sinnvolle Absicht, Sinn – deshalb vielleicht auch Welt als Wille! (zwei Seiten ein und desselben)]

[* Schopenhauer entwarf selbst eine Farbenlehre.

Die Farbenlehre Goethes kann auf Leibniz zurückgeführt werden: sie ist am Verhältnis der Farben aufeinander orientiert. Was als Grundfarbe gilt, ist nur aus dem Verhältnis zu anderen Nicht-Grund-Farben zu sehen, nämlich durch ihre Äquivalenz zu den entsprechenden Nicht-Grundfarben, oder nach Kant: durch ihre Fähigkeit zur Äquivalenz.

Vergleiche: Du kannst eine beliebige Junktorenbasis (Grundfarben) nehmen, nur die Invarianz unter Dualisierung, dass also das immer zwei Junktoren (zwei Satzverbindungen) äquivalent mit allen anderen sind (oder nach Kant: sein können), muss bestehen bleiben.
(Insofern sind der Scheffler- und Peirce-Operator etwas Besonderes.)

Nach Schopenhauer dürfte sich jede Farbe unabhängig von ihrer Fähigkeit zur Äquivalenz mit einer anderen Farbe erfahren lassen, wenn du auf die Bestimmung, nämlich als einer bestimmten Farbe, verzichtest.
Das ist gewissermaßen das innere Subjektive Empfinden, das bei jedem Menschen gleich ausgeprägt ist (Objektivität). (Qualia: der Qualia-Schopenhauer-Zusammenhang ist, glaube ich, schon längst diskutiert.)

Äquivalent in der Logik zum subjektiven Empfinden der Farben:
Nicht die Frage der Wahrheit oder Falschheit eines Satzes, das Abhängig-Sein von Prämissen, ist das Objektive Moment, sondern der Nachvollzug des einzelnen Satzes selbst ohne das Stellen der Wahrheitsfrage.

(Dann fragst du eher:
Nicht: was hat der Autor des Satzes gemeint, sondern: was ist da/was liegt vor?)

Das, was nach Descartes also so anfällig für Täuschungen ist, nämlich der Sinneseindruck, das innere subjektive Nach-Empfinden, wird zum Objektiven Moment, im Gegensatz zur Wahrheits- oder Identitätsfrage, die immer auf die Vielheit, auf die Abgrenzung eines Dinges gegen andere Dinge angelegt ist, oder, wie Kant sich ausdrückt: auf die Position (oder die Setzung), die ein Ding einnimmt gegenüber anderen.

Sofern, wie bei Kant mit dem Bezug auf mögliche Erfahrung bzw. auf das ‚ist-eine-Behauptung‘, welches alle meine Behauptungen begleiten KÖNNEN muss wie im Fall des an Descartes angelehnten mentalistischen ‚Ich denke‘, eine Draufsicht auf diese Positionen oder Positionierungen der Dinge gegeneinander möglich ist, bedeutet dies eine äußere Sicht auf diese Vielheit der Positionen.

Wo es der Philosophie sonst immer darum ging, einen äußeren Standpunkt zu etablieren, einen Standpunkt, der neutral ist und die eigene Perspektive und subjektive Gefärbtheit überwindet, überwindet Schopenhauer diesen Ansatz. Er spricht sich damit auch gegen Ansätze aus, die eine Unterscheidung in ein Innen und Außen aufheben, z. B. dass sämtliches Urteilen und Behaupten und sogar alles Sein logisch bzw. als einer Regularität oder Gesetzmäßigkeit unterlegen sei.

Die ausgeprägtere Welt- und Menschenerfahrung u. a. in Form der ausgedehnten Reisen Schopenhauers dürfte hier ihr Übriges dazugetan haben.]

3 Kommentare zu „Making philosophy more accessible by means of Formal Epistemology – Schopenhauer

  1. Ursprünglich hatte ich Schopenhauer angelegt über den folgenden Einwand gegen Kant:
    Du kannst einen Satz p nicht beliebig lang fortführen. Du musst auch irgendwo mal einen Punkt machen.

    Vor einiger Zeit betraf dieser Einwand das Verhältnis von p zu den Bedingungen q, r etc. Unter Satz war hier also p, q, r etc. verstanden worden. Dagegen konnte Kant noch mit seinem ‚Ich denke‘ – bzw. seinem Möglichkeits-Ansatz argumentieren, wonach der Satz schon geschlossen ist, eben in der Möglichkeit (diese Möglichkeit begleitet die Sätze p, q, r etc. immer).
    Wenn allerdings unter Satz nur p verstanden wird, dann hat Schopenhauer tatsächlich so etwas wie eine Lücke bei Kant gefunden. Denn das ‚ist eine Behauptung‘, das jede tatsächliche Behauptung begleiten können muss, ist doch auf die tatsächliche Behauptung, und damit den Abschluss ebendieser durch einen Punkt, angewiesen.

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  2. Warum hatte ich zum Schluss des Textes von der ausgeprägteren Welt- und Menschenerfahrung Schopenhauers gesprochen?
    – Zum Einen kann man Schopenhauers ausgedehnte Reisetätigkeiten, gerade in seinen jungen Jahren, ähnlich verstehen wie einen Satz, also wie p.
    Bestimmt wird ihm einmal entgegnet worden sein, dass er sich doch mal niederlassen soll, mal irgendwo einen Punkt machen soll.
    Zum anderen dürfte Schopenhauer, gerade auf seinen Reisen, auch auf vielfältigere Kommunikationspartner getroffen sein als die üblichen akademischen Schönredner.
    Ich denke hier auch z. B. an religiöse Autoritäten, die mitunter ohne Punkt und Komma redeten, in religiösen Kontexten heißt das dann: wie im Rausch.
    Schopenhauer kommt desöfteren auf seine Reisen in seinen Werken zu sprechen, vgl. die teils martialischen Schilderungen von Kämpfen zwischen Männern in anderen Kulturen.

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