Ein Video und mehr zu Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft/A Video and more on Immanuel Kant’s first Critique

Da die Video-Funktion bei WordPress leider ein Upgrade benötigt: Unter dem Titel „Kant und Logik / Kant and Logic“ habe ich ein Video zu Kant bei Youtube eingestellt. Es geht um die Kritik der reinen Vernunft von einem logischen Standpunkt aus gesehen (auf Englisch).

Ein Zusatz und eine Erläuterung zum Video: Zunächst siehe die Korrektur in der Videobeschreibung (nicht: „must be present“, sondern „is present“, also: „Necessarily: Possible fulfillment is present with regard to all concepts.“) Alle Begriffe fallen sozusagen in die Möglichkeit der Komplettierung (=Erfüllung der Bedingungen (=Prämissen)/Mengenmitglieder bzw. fulfillment), denn: B 131-132: „Das: Ich denke, muss alle meine Vorstellungen [zu „Vorstellung“ siehe die „Stufenleiter“ auf A 320/B 376-37)] begleiten können […]“ Das heißt, dass alle meine Vorstellungen in das descartsche, Realität garantierende „Ich denke“ fallen können müssen, wenn sie als ebensolche Vorstellungen bestimmt werden und damit zu Begriffen werden, die sich näher bestimmen lassen können (oder: einen näher bestimmbaren Inhalt haben).

Dies ist sozusagen die formale Bedingung, die für alle Begriffe gilt oder die von allen Begriffen erfüllt wird, und zwar allein schon durch die Verwendung von Wörtern als Begriffen, z. B. ‚ist ein Buch über Logik‘ in dem Satz ‚Kants erste Kritik ist ein Buch über Logik‘. Die materiale Bedingung liefert die 3. Idee.

Zunächst ein Resümee: Wenn ein Wort als Begriff verwendet wird, dann ist die Möglichkeit des fulfillments erfüllt, schließlich habe ich das Wort als Begriff oder in der Begriffsposition verwendet; es ist also möglich, die weiteren Mengenmitglieder aufzufinden, oder: alle Mengenmitglieder (=alle Merkmale/Kennzeichen/Charakteristika) des Begriffs fallen in die Möglichkeit der Vervollständigung.

Wenn du z. B. etwas zum Arbeiten sagen möchtest, dann kannst du dies nur, wenn du vom möglichen Arbeiten oder von der Möglichkeit des Arbeitens sprichst. Würdest du etwas über das Arbeiten sagen und vielleicht eine bestimmte Forderung aufstellen, dann wäre es halt Sache der Festlegung, also der Machtverhältnisse und der Konvention, welchen besonderen Begriff von Arbeit, mit welchen Merkmalen/Kennzeichen/Charkteristika du hier zugrundelegst. Wenn du dagegen von der möglichen Arbeit sprichst, legst du dich inhaltlich gar nicht fest auf einen bestimmten Begriff. Und dadurch bezeichnest du erst das Arbeiten oder die Arbeit, da du eben alle möglichen näheren inhaltlichen Bestimmungen von Arbeit mit einschließt und so neutral gegenüber einer bestimmten Sicht oder Auffassung bleibst.

Du kannst natürlich weiterhin Forderungen aufstellen, aber mit der kantischen Konzeption wird klar, dass alles, also die die Dinge konstituierenden Begriffe eben doch nicht nur an der Macht oder den Machtverhältnissen oder an der Konvention/Tradition hängen oder dass die Begriffsinhalte und die dadurch bezeichneten Dinge nicht nur in der manipulierbaren Psyche oder in der Erwartungshaltung liegen. Und wenn du Forderungen in Bezug auf das Arbeiten und in Bezug auf die Lebensführung machst, dann sollte dir klar sein, dass eben diese bestimmten Forderungen nicht für alle gelten können, sondern nur für bestimmte Gegebenheiten und zwar für ebensolche, von denen du beim Aufstellen der Forderungen ausgehst, nämlich indem du die Gegebenheiten unter die dir vertrauten Begriffe eben als diese Gegebenheiten fasst – das heißt, deine Forderungen hängen also von den Prämissen oder von den Begriffen ab, von denen deine Einschätzung der Gegebenheiten/der Personen abhängt. Deine Forderungen spiegeln demnach immer auch deine begrifflich geprägte Sicht auf die Dinge, deine begrifflich geprägte Einschätzung der Gegebenheiten/Personen wieder. Würdest du die Gegebenheiten/Personen unter andere Begriffe fassen, würdest du zu anderen Auffassungen/Schlussfolgerungen und mitunter zu anderen Forderungen kommen.

Zur materialen Bedingung der 3. Idee siehe A 571-572/B 599-600: „Ein jedes Ding aber, seiner Möglichkeit nach, steht noch unter dem Grundsatze der durchgängigen Bestimmung, nach welchem ihm von allen möglichen Prädikaten der Dinge, so fern sie mit ihren Gegenteilen verglichen werden, eines zukommen muß. Dieses beruht nicht bloß auf dem Satze des Widerspruchs; denn es betrachtet, außer dem Verhältnis zweier einander widerstreitenden Prädikate, jedes Ding noch im Verhältnis auf die gesamte Möglichkeit, als den Inbegriff aller Prädikate der Dinge überhaupt, und, indem es solche als Bedingung a priori voraussetzt, so stellt es ein jedes Ding so vor, wie es von dem Anteil, den es an jener gesamten Möglichkeit hat, seine eigene Möglichkeit ableite.“ (Zu ‚material‘: A 576/B 604: „Also ist es ein transzendentales Ideal, welches der durchgängigen Bestimmung, die notwendig bei allem, was existiert, angetroffen wird, zum Grunde liegt, und die oberste und vollständige materiale Bedingung seiner Möglichkeit ausmacht, auf welcher alles Denken der Gegenstände überhaupt ihrem Inhalte nach zurückgeführt werden muß.“ Und siehe die Jäsche-Logik an entsprechender Stelle.)

Was heißt hier eigentlich „material“? Nun, als Begriffsverwendung erfüllt z. B. ‚ist ein Buch über Logik‘ in dem Satz ‚Kants erste Kritik ist ein Buch über Logik.‘ die formale Bedingung des möglichen fulfillments. Dadurch wird erst das Gemeinte wie das Arbeiten oder die Arbeit bezeichnet. Da nun alle Mengenmitglieder des Begriffs, z. B. des Arbeitens oder der Arbeit, in der Möglichkeit (des Bezeichneten) vorliegen, haben wir automatisch eine ideale Vorstellung des Bezeichneten, eben ein Ideal vor Augen.

Etwas philosophisch gestelzter ausgedrückt: Mit der Begriffsverwendung wird ein Ding, ein raumzeitlicher Gegenstand, bezeichnet. Der raumzeitliche Gegenstand wird durch all seine möglichen Eigenschaften, alle möglichen Mengenmitglieder, individuiert und eben dadurch erst bezeichnet als das, was gemeint war. Das bedeutet für die Eigenschaften oder Prädikate: Jedes Prädikat, mit seinem Gegenteil oder seiner Verneinung verglichen, muss also entweder zutreffen oder nicht.

Nach dem bisher Gesagten können wir nun mit Bezug auf Kant und das oben angeführte Zitat auf A 571-572/B 599-600 folgende Gleichungen formulieren:

‚Das Ding, seiner Möglichkeit nach‘ = die jeweilige Begriffsverwendung; gesamte Möglichkeit = alle Begriffe/Inbegriff aller Prädikate

Von der Perspektive des Dinges (und seiner Möglichkeit) aus: Seine es konstituierende Begriffsverwendung leitet sich ab vom Inbegriff aller Prädikate. Das Ding bestimmt sich also damit selbst, z. B. die Kritik der reinen Vernunft bestimmt sich selbst als Buch über Logik, weil ja die hinreichende Bedingung für die Begriffsverwendung der Ausschluss all der anderen Prädikate ist (siehe oben: jedes Prädikat muss zutreffen oder nicht) und man also mit dem dadurch vorauszusetzenden Inbegriff aller Prädikate, der das Ding konstituiert, die Realität des Dinges (mit all seinen Eigenschaften) voraussetzen muss. Das Prädikate oder der Begriff ‚ist ein Buch über Logik‘ leitet sich demnach von dem Ding selbst ab, oder: Das Ding bestimmt sich selbst, also z. B. die Kritik der reinen Vernunft als Buch über Logik, jedenfalls, wenn ich sage, dass Kants Kritik der reinen Vernunft ein Buch über Logik ist.

Auf diese Weise kann man auch die kantischen Kategorien und die Frage nach ihrer Vollständigkeit verstehen, nämlich so, „wie sie sich selbst durch einige wenige Grundgesetze des Verstandes von selbst in classen eintheilen“. (Brief an Marcus Herz vom 21.02.1772. In: AA 10.126).

Das Wichtigste ist also, so kann man auch formulieren, die Leute selbst machen zu lassen, sie in Ruhe zu lassen und ihnen die größtmögliche Selbstbestimmung und Autonomie zu geben.

Mit Bezug auf den Zusammenhang von Zeit und logischer Konsequenz: Das ideale Ding im Verhältnis zur Ableitungsrelation der Eigenschaft: es bestimmt sich im Verlauf seiner eigenen Zeit, seiner ihm eigenen Zeit, als dies und das.
Auf A 578/B 606 wird die Ableitung bzw. die Selbstbestimmung des Dinges mit Bezug auf den Raum als Limitation des idealen Dinges gefasst. Wie ist das zu verstehen? Die Ableitung der Eigenschaft muss als ein kleiner Teil von dem idealen Ding(, das vorausgesetzt werden muss) verstanden werden. Es limitiert in dem Sinn, dass dem idealen Ding Grenzen setzt – ist also vom Standpunkt des idealen Dings aus gesehen.
Wie beim Raum: da wo du nicht bist, ist Raum, da wo du bist (bzw. eine Begriffsbestimmung), da ist keiner (bzw. kein ideales Ding).
Für die Mathematiker sicher auch interessant ist die Konzeption der Ableitung, die auch über die Limitation deutlich wird: Denn die Ableitung kann ja immer weiter und weiter laufen, und trotzdem gibt es das Ideal, obwohl man eben nie ankommt.


In Bezug auf die Dissenstheorie: es gibt keine übergeordnete Meinung oder keinen übergeordneten Begriff. Das ist nur ein Ideal. Es gibt nur die verschiedenen Standpunkte, die sich dem Ideal, der (deutschen) Ruhe, annähern, ohne es jemals zu erreichen. Im haben wir also nichts anderes als Diversität und verschiedene Meinungen. Tatsächlich gibt es keinen alle anderen umfassenden, übergreifenden, obersten Begriff und keine entsprechende Position, auch wenn man vielleicht meint, dass der Begriff der Arbeit eine solche Rolle einnimmt/oder die Meinung/Position der Regierung.
Die Einigkeit ist nie ganz da. Das ist auch gut so, denn sonst könnte sie ja gar nicht erreicht werden.

Jede Position muss sich verstehen als von der großen Einigkeit/dem Inbegriff aller Positionen – und dadurch, dass dieser Inbegriff sie vereinigt: von dem Frieden – abgeleitet.

2 Kommentare zu „Ein Video und mehr zu Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft/A Video and more on Immanuel Kant’s first Critique

  1. Was das Verhältnis Leibniz-Kant angeht:
    Eine Analogie, also die Das-ist-wie-Konzeption, ist auch nur ein Fassen unter Begriffe, nämlich eben unter den Begriff ‚ist analog zu‘. (Würdest du methodisch andere Begriffe verwenden …)

    (Dennoch sollte sich Leibniz methodisch auch in Kant finden lassen. Und dieser letzte Satz scheint schon Hegels Antithese vorweg zu nehmen, die dann mit der These in einer Synthese vereinigt wird, vielleicht in einer platonischen Konzeption, wonach sich alles in einem und eins in allem wiederfinden lässt.)

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  2. Zu „gesamte Möglichkeit = alle Begriffe/Inbegriff aller Prädikate“
    Das wäre sozusagen der Begriff aller Begriffe.
    Nach Freges Verständnis wäre das ein 2.stufiger Begriff, und zwar ein solcher, in den alle 1.stufigen Begriffe fallen.
    (Schließlich ist ‚ist ein Begriff‘ auch ein Begriff.)
    Kombiniert man Frege mit Kant, wäre halt der Begriff n-ter Stufe nur eine subjektive Brille, quasi ein Systematisierungstool. Die Nullmenge müsste dann aufgefasst werden als Menge, die keine Behauptungen beinhaltet, sondern Ironie und dergleichen.

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