Simone de Beauvoir – „On ne naît pas femme: on le devient.“ / Man kommt nicht als Frau zur Welt: man wird es.

„On ne naît pas femme: on le devient.“

Übersetzt: Man wird nicht als Frau geboren/Man kommt nicht als Frau zur Welt: man wird es.

Logische Rekonstruktion in den Begriffen von Prämisse und Konklusion beziehungsweise in den Begriffen von Elementen einer Menge:

Selbst wenn alle Bedingungen/alle Prämissen (Wahrheit) beziehungsweise selbst wenn alle Elemente einer Menge (=Begriff) (Identität) vorliegen = das Herauspressen des Kindes bei der Geburt = das Denotieren des Gegenstandes = das Herauspicken/Aussondern eben des einen gemeinten Gegenstandes von den anderen = das Herausdrücken des Gegenstandes durch die Prämissen-Konklusion-Relation, so liegt das Ding ALS ein bestimmtes Ding immer noch nicht vor bzw. es wird immer noch nicht als ein solches (als das Allgemeine) ge- oder erkannt (denn dazu gehört eben mehr, siehe unten).

Nicht mehr die Stille-Kämmerlein-Theoretische-Bestimmung machts (bildet die Identität oder das Wesen einer Sache (=den Begriff) oder bildet die Wahrheit in Bezug auf eine Aussage), sondern die Praxis, die, wie es im zweiten Band von Le Deuxième Sexe (Das zweite Geschlecht), als Untertitel heißt, gelebte Erfahrung, die „L‘ expérience vécue“.
Es gibt also gemäß de Beauvoir keine sprachlichen Funktionen und überhaupt keine Funktionen mehr, d. h. feste, unabänderliche Zuordnungen von Mengen aufeinander mehr. Vielmehr wird der Wahrheitsbegriff in die konkrete Praxis, in das Tun, ähnlich wie beim späten Wittgenstein, verlegt. Das heißt, Wahrheit liegt im Konkreten, im Praktischen. (Eine alte Notiz von mir, im Zusammenhang mit der Kritischen Theorie: Der Vorrang der Theorie vor der Praxis. Die Theorie hat gegenüber der Praxis eine Schuld.)

Ein Beispiel sind Frauen und der Begriff der Fau (oder der der weiblichen Person):
Ein akademischer, theoretischer Diskurs über Frauen kann nicht die gelebte Erfahrung von Frauen oder weiblichen Personen ersetzen, was die Bestimmung des Begriffs der Frauen (oder der der weiblichen Person(en)) angeht.

Selbst wenn also der Begriff der Frau (oder der Begriff der weiblichen Person) mitsamt all seinen Merkmalen vorläge bzw. selbst wenn die Menge mit all ihren Elementen vorläge, so würde immer noch nicht gewusst, was eine Frau (oder eine weibliche Person) ist.

Ein akademischer theoretischer Diskurs kann Frauen oder weiblichen Personen in diesem Sinn keine Gerechtigkeit widerfahren lassen.
Es fehlt ganz einfach die Praxis / die Lebenspraxis im Alltag, die Frauen oder weibliche Personen haben.

Siehe zum Beispiel die seit Jahrzehnten geführte Diskussion um die Abtreibung, die jüngst durch ein Gerichtsurteil in den USA wieder aufgeflammt ist.

In einem früheren Beitrag zu Kant, schrieb ich mit Bezug auf de Beauvoir, dass in dem Wort/Begriff „unsere“, welches/welchen Kant ständig verwendet, eine Verbindung zu de Beauvoir liegt. Und tatsächlich könnte man mit Bezug auf de Beauvoir sagen, dass die Frage, was der Mensch sei, die sich Kant vorlegte, gar nicht auf dem Wege zu beantworten sei, den Kant einschlug, nämlich auf dem Wege der theoretischen Reflexion, also des theoretischen Nachdenkens und Bücher-Schreibens. Denn es ist nach de Beauvoir eben die Praxis oder der menschliche Lebensvollzug selbst, der „uns“ ausmacht.

Wie sagt G immer: Sie sei eine Praktikerin. Und hier liegt nach de Beauvoir die Wahrheit.

Kant kann allerdings auch mit dem Amerikanischen Pragmatismus in Verbindung gebracht werden. Schließlich lehnt er so etwas wie ein Wesen des Menschen ab. Nach dem folgenden Text von mir wird diese Verbindung Kants zum Amerikanischen Pragmatismus deutlich. Schließlich liest sich nach diesem Text der konkrete Prämissenaufstieg als Transfer der Wahrheit von der außerhalb der Prämissenreihe liegenden letzten Prämisse zur Konklusion. Da die Einheit aber eben schon vor dem konkreten Prämissenaufstieg da ist – nämlich durch die Vorstellung eines außerhalb der Prämissenreihe liegenden Dinges, nämlich Gott (einem Etwas, dass alle begrifflichen Merkmale in sich fasst) (wodurch die Prämissenreihe erst zu einer Einheit bzw. zu einem Ganzen wird) -, kommt es letztlich weniger auf den konkreten Prämissenaufstieg an als vielmehr auf dessen Möglichkeit, d. h. also, mit Blick auf de Beauvoir, auf die mögliche Praxis. Allerdings: der Philosoph Kant musste sich schon hinsetzen und eben die Bücher und Schriften tatsächlich schreiben, also tatsächlich praktisch sein, um eben als der Philosoph Kant zu gelten; auch wenn es andererseits nach Kants eigener Konzeption so aussehen musste, dass er (aufgrund des nur ideellen Charakter Gottes) sich letztlich selbst dazu bestimmte, diese zu schreiben (vgl. Brief an Marcus Herz v. 21.02.1772: „[…] so wie sich selbst […] in classen einteilen“) . Hier der Text:

„A function necessitates an assignment of truth values to arguments. Representing the predicate ‚is a book about logic‘ as a function means that when the argument ‚Kant’s CPR‘ is being put into this function then the truth value is fixed or static. According to this functional view the relation of the argument ‚Kant’s CPR‘ and the truth value true makes a law-like connection in the sense that this relation of the argument ‚Kant’s CPR‘ and the truth value true is not in time and that it does not depend on us. 

And that means that the truth of the statement that Kant’s CPR is a book about logic can not be seen as being dependent on any reasoning to sufficient conditions since this reasoning takes place in time and is dependent on us. With respect to A 616-619/B 644-647 in the first Critique this means that the completing and truth-establishing premise or argument can not lie within the series of sufficient conditions, or to speak with Kant: it must be positioned as being „outside the world“ (A 617/B 645). 

So the representation of a necessary connection of statements establishes a point outside of the series of sufficient conditions to which our argument ‚Kant’s CPR‘ and every other argument must relate to if we take the function to yield the truth value true for those arguments, cp. Kant’s notion of a suppositio relativa at A 676/B 704. 

All premises or all arguments which we provide must make a unity in this sense of a relation of them to the point outside of the series of sufficient conditions. This unity can be characterized as follows: a premise or argument is regarded as not fitting into this unity and, hence, being wrong if it is not derivable (or relatable) by any other premise or any other argument any more since in this case it can not be seen to be related to the point outside of the series which establishes truth – although this point in itself means nothing and does not exist.“

8 Kommentare zu „Simone de Beauvoir – „On ne naît pas femme: on le devient.“ / Man kommt nicht als Frau zur Welt: man wird es.

  1. Dass es die Praxis ist, die die Dinge als die bestimmten Dinge festlegt (man könnte den Satz fortsetzen mit: ‚die sie sind‘ – das wäre aber falsch, denn die Praxis ändert sich halt auch), gilt auch von solchen Begriffen wie z. B. ‚ist ein Buch über Logik‘, den ich vor einiger Zeit oft in Zusammenhang mit Kants 1. Kritik brachte.
    Denn es ist ja erst meine stete Praxis des Argumentierens, des auf ein Problem Übertragens und damit Neu-Kontextualisierens und des Zuschreibens (dass Kants 1. Kritik ein Buch über Logik ist), die Kants 1. Kritik zu einem Buch über Logik werden lässt.
    Wie im Falle der Frau WIRD also Kants 1. Kritik erst zu einem Buch über Logik, und zwar durch meine Praxis des Argumentierens und Zuschreibens, siehe z. B. den Englischsprachigen Schluss dieses Blogbeitrags.

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  2. De Beauvoirs Philosophie der Logik dürfte wohl auch von der heute so breit betriebenen, mathematisch ausgerichteten Logik selbst gelten, d. h. von der Aussagenlogik und Prädikatenlogik 1. Stufe.
    Denn man muss diese Sprachen schon sprechen bzw. diese Logiken schon beherrschen (können) und sich darin ausdrücken (können), um das Logische daran zu auszumachen und zu verstehen.

    (Wie ist es mit dem Job bzw. einer Erwerbsarbeit?)

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  3. Heutzutage wird De Beauvoirs Philosophie der Logik oder Logikkonzeption oft mit der von Hume verwechselt.
    Beide sind sich auch ähnlich: doch während sich Hume, nein, richtiger gesprochen: während sich die Interpretation von Hume* mehr auf die Psyche bezieht und dies eine große Nähe zu einer Logik aufweist, die um den Job kreist oder um die mit existentiellen Sorgen verbundene Erwerbsarbeit – Hume hatte selbst keine Stelle in (oder im Umkreis) der Philosophie gefunden -, geht es de Beauvoir um das unpsychologische Tun oder die Praxis selbst.
    Zwar stehen die Praxis und ihre Normen sicher nicht außerhalb der Zeit, sondern stützen sich auf ‚custom‘, also Brauchtum, aber wenn keiner Philosophie betreibt oder, wie in Nordrhein-Westphalen, kein Mensch mehr Kaninchen oder Tauben züchtet, dann gibt es eben auch keinen Brauchtum mehr in diesem Bereich.

    *Man kann Hume ja auch durchaus nicht-psychologisch, nämlich kulturalistisch und damit nicht-relativistisch verstehen.

    Allerdings auch recht körperlich, wenn man so möchte:
    Wenn es sich bei Hume tatsächlich um einen Zirkel der Rechtfertigung handeln sollte, dann enthält ja letztlich die jeweilige, zu rechtfertigende Aussage den rechtfertigenden Grund (als notwendige Bedingung), nämlich die ‚lively impression‘ bzw. den lebhaften Sinneseindruck – klar, wenn man solche Experimente wie z. B. das sog. Libet-Experiment heranzieht, wonach die bewusste Entscheidung und vielleicht auch das bewusste Denken immer etwas später ist als die neuronale Reizung = der Sinneseindruck, dann muss ja die Aussage, wenn sie wahr ist, den entsprechenden Sinneseindruck schon, zeitlich gesehen, enthalten oder mit sich führen, wenn man eine Isomorphie von Logik und Zeit annimmt, bei der notwendige Bedingungen, da schon erfüllt mit der jeweiligen Aussage, die Vergangenheit darstellen (als notwedige Bedingung ist der Grund, die „lively impression“ bzw. der lebhafte Sinneseindruck schon Vergangenheit – das bewusste Denken kommt also gewissermaßen gar nicht mehr an den Grund, der im Körper steckt, heran). Die Körperlichkeit dieser Konzeption korrespondiert dann mit den mit dem Job oder der Erwerbsarbeit verbundenen existentiellen Sorgen. Der Job oder die Erwerbsarbeit führt dann dazu, dass man nur noch auf der Suche nach den passenden ‚lively impressions‘ bzw. den lebhaften Sinneseindrücken ist. Das sog. und auch in der Philosophie praktizierte und teils kritisierte In-sich-Hineinschauen oder die sog. Introspektion wird damit zurückgedrängt. Die Konzentration auf sich selbst muss also erst wieder neu eingeübt werden. Grenzen betreffen dann auch nur noch Körper, nicht mehr die Person oder die Persönlichkeit. Bedeutung spielt sich wesentlich auf der körperlichen Ebene ab und abstrakte Gedanken und Zusammenhänge treten in den Hintergrund. – das Forschungsfeld Nr. 1 wird das Körperliche. (Die Grenzen meiner Welt werden dann zum Einen, nämlich im Theoretischen, gebildet durch die lebhaften Sinneseindrücke verschiedener anderer Körperlichkeiten (=das Interesse am Körper anderer) und praktisch durch meine Verfügung oder meine Macht über meinen und über andere Körper.)
    Wenn du davon ausgehst, dass man Körper durch bestimmte Tätigkeiten schneller machen kann und dass man so auch oder gerade im Job oder in der Erwerbsarbeit Körper-Formung betreibt (wie vielleicht auch bei Focault selbst), dann gehst du wirklich davon aus, dass die Wahrheit in der Schnelligkeit liegt, da eine kognitiv schnellere Person ja automatisch mehr ‚lively impressions‘ bzw. mehr lebhafte Sinneseindrücke machen kann, wenn auch nur statistisch gesehen, als eine kognitiv langsamere Person.
    Vorausgesetzt natürlich, du machst diese Körper-Scheiße (diese starke Reduktion) einfach so gedankenlos mit.

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  4. Im Kommentar vom 05.07.2022 um 00:02 Uhr schrieb ich:
    „Das sog. und auch in der Philosophie praktizierte und teils kritisierte In-sich-Hineinschauen oder die sog. Introspektion wird damit zurückgedrängt.“
    Das führt dann auch dazu, dass Leute in der Philosophie blind einfach Konstruktionen anderer übernehmen.
    Ich erinnere mich z. B., dass es wirklich mal gut tat und erfrischend, aber auch überraschend war, als ein Professor in Göttingen einmal das ganze Konzept der sog. der phänomenalen Zombies, die von Herrn Chalmers eingeführt wurden, in Frage stellte.
    (Die Kritik richtete sich gegen die Zombies (selbst), die sich unserer Kenntnis doch ein wenig entziehen. ‚Man kann sich halt so schlecht was darunter vorstellen‘ (was die halt sonst so machen).)

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  5. Verabsolutiert führt das dann auch dazu, dass man immer das Gefühl hat, etwas zu verpassen. Man läuft also immer hinter etwas her, was man nie einholen kann.
    Das Wichtige oder Entscheidende kommt also von außen (daher dann auch die Erwartung und die Erwartungshaltung des Himmels=des Friedens/der Hölle=des großen Knalls).
    (Beim Rationalismus dagegen dürfte das Wichtige oder Entscheidende von innen her kommen.)

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  6. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an die Worte eines Professors der Philosophie bei einer Veranstaltung in Göttingen, der einen anderen Professor aus Göttingen zitierte und sich selbst erinnerte, dass ihn der Professor aus Göttingen einmal fragte, ob er denn nicht lesen könnte.
    Oder an eine Dozentin aus einem anderen Fach, die sich gegenüber den Studierenden in Bezug auf ihr Leseverhalten äußerte.
    Oder an eine kurze Bekanntschaft eines Kommilitonen oder Mitstudenten, der sich dahingehend äußerte, dass man mitunter abgebracht wird oder mehr oder weniger leicht abgebracht werden kann von seinen Gedanken und Reflexionen.
    Ist diese Hume-Körper-Geschichte doch schon stärker im Erwerbsarbeits- oder Jobumfeld etabliert, als ich dachte?

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  7. Um etwas zum Gefühl zu sagen, dass man etwas verpasst:
    Nach Kants Logik-Konzeption leitet sich die Erkenntnis gemäß der oben im Blog-Beitrag angegebenen Konzeption ab von sich selbst. Schließlich kann das Erkennen ja selbst ein Prädikat/eine Menge/eine Funktion bilden, z. B. ‚habe ich erkannt/gedacht/die Idee gehabt‘. Das bedeutet dann auch, dass das was zu erkennen ist, die Realität, schon da sein muss (das ist die materiale Bedingung der Möglichkeit eines Dinges, siehe B 604 in der 1. Kritik und in den Vorlesungen).
    Es muss also so aussehen, als ob alles, was frau/man erkennt und was nicht, schon angelegt wäre in einer/einem selbst.
    Das bedeutet, dass frau/man sich selbst als verstehend und lernend begreifen sollte und nicht, wie heutzutage durch das oben beschriebene Hinterherlaufen üblich, mal wieder als scheiternd (wenn etwas nicht so funktioniert).
    Es bedeutet auch, dass frau/man zielstrebig eine Sache angehen sollte und sich das Ziel am besten so hoch wie möglich setzen sollte, eigentlich unerreichbar.
    Denn das Ziel existiert ja bei Kant nur als Möglichkeit, dass man nie erreichen kann, siehe oben im Blog-Beitrag: es kommt eben nur auf das „derivable“ (=ableitbar), also auf die Möglichkeit der weiteren Ableitung an, nicht auf die tatsächliche weitere Ableitung.
    Und, wenn man die Zeit als lineare Bedingungskette ansieht, bedeutet es auch, dass man Vertrauen in die Zeit setzen sollte.

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